Dein Hund hat sein Spielzeug den ganzen Tag bei sich und häufig im Mund.
Beim Apportieren, beim Kauen, beim Tragen. Hast du dich schon einmal gefragt, was dabei aus dem Material herausgelöst werden kann?
Bei Kinderspielzeug sind Schadstoffprüfungen gesetzlich vorgeschrieben. Bei Hundespielzeug nicht. Die EU-Spielzeugrichtlinie gilt ausschließlich für Produkte, die für Kinder bestimmt sind – Tierbedarfsprodukte fallen ausdrücklich nicht darunter. Ein Hersteller kann sein Produkt verkaufen, ohne jemals prüfen lassen zu müssen, was darin steckt.
Dieser Artikel erklärt, welche sechs Schadstoffgruppen bei Hundespielzeug aus Kunststoff, Gummi oder Naturkautschuk relevant sein können – und was du beim Kauf beachten solltest.
Das Wichtigste in Kürze
- Für Hundespielzeug gibt es in der EU keine gesetzliche Pflicht zu Schadstoffprüfungen.
- Hunde tragen Spielzeug stundenlang im Maul – Stoffe können über Speichelkontakt aufgenommen werden.
- Relevante Schadstoffgruppen sind: Phthalate, PAK, Nitrosamine, Schwermetalle, aromatische Amine und BPA.
- Ob ein Spielzeug bedenkliche Stoffe enthält, ist von außen nicht erkennbar – nur eine Laborprüfung schafft Klarheit.
- Verantwortungsbewusste Hersteller lassen ihre Materialien unabhängig prüfen und kommunizieren das transparent.
- Ungewöhnlich günstige Preise können ein Hinweis darauf sein, dass an Materialqualität oder Prüfungen gespart wurde.
Kurzantwort
Hundespielzeug aus Kunststoff, Gummi oder Naturkautschuk kann je nach Materialrezeptur und Herstellungsprozess verschiedene Schadstoffgruppen enthalten – darunter Phthalate, PAK, Nitrosamine, Schwermetalle, aromatische Amine und BPA. Da für Hundespielzeug keine gesetzliche Prüfpflicht besteht, können Käufer nur dann sicher sein, wenn Hersteller freiwillig unabhängige Laborprüfungen durchführen und die Ergebnisse transparent kommunizieren.
Inhalt
Die gesetzliche Lücke bei Hundespielzeug
Die EU-Spielzeugrichtlinie (2009/48/EG) schützt Kinder unter 14 Jahren – nicht Tiere. Für Hundespielzeug gibt es keine vergleichbaren Prüfvorschriften, keine Offenlegungspflicht für Inhaltsstoffe und keine unabhängige staatliche Kontrolle vor dem Inverkehrbringen.
Labortests, die in der Schweiz vom Konsumentenmagazin SRF Kassensturz (2021) durchgeführt wurden, mussten in Anlehnung an Normen für Kinderspielzeug erfolgen – weil für Tierspielzeug schlicht keine verbindlichen Standards existieren.
Zwar schützt die europäische REACH-Verordnung vor bestimmten Chemikalien – doch wer kontrolliert, ob die Grenzwerte bei Hundespielzeug eingehalten werden? Für Tierbedarf gibt es keine staatliche Zulassungsprüfung. Ob gefährliche Stoffe wirklich unter den Grenzwerten liegen, erfahren wir oft erst, wenn unabhängige Labore genauer hinschauen.
Weichmacher in Hundespielzeug - insbesondere Phthalate
Weiches, biegsames, kaubares Spielzeug entsteht nicht von selbst. Um Kunststoff flexibel zu machen, werden sogenannte Weichmacher eingesetzt. Das Ergebnis fühlt sich gut an – und das ist kein Zufall, sondern Materialchemie.
Das Problem: Speichel kann Stoffe aus dem Material herauslösen. Bestimmte Phthalate – allen voran DEHP, DBP, BBP und DIBP – gelten laut Europäischer Chemikalienagentur (ECHA) als endokrine Disruptoren. Sie können das Hormonsystem beeinflussen und stehen im Verdacht, Fortpflanzung und Entwicklung zu stören.
Wichtig: Im Rahmen der REACH-Verordnung wurden DEHP, DBP, BBP und DIBP seit Juli 2020 für viele Erzeugnisse beschränkt, die mit Haut oder Mund in Kontakt kommen. Diese Einschränkungen gelten jedoch nicht für Tierbedarfsprodukte.
Ob und in welcher Konzentration Phthalate in einem konkreten Spielzeug vorkommen, lässt sich nur durch eine Laborprüfung feststellen.
PAK in Hundespielzeug: Polyzyklische Aromatische Kohlenwasserstoffe
PAK entstehen durch bestimmte Prozessöle, Rußbestandteile oder recyclinghaltige Rohstoffe, die bei der Produktion eingesetzt werden. Sie tauchen in Gummi- und Kunststoffspielzeug auf – auch dort, wo man sie nicht vermuten würde.
Zahlreiche PAK gelten als krebserregend, erbgutschädigend oder fortpflanzungsgefährdend. Die EU hat bestimmte PAK-haltige Öle in Verbraucherprodukten seit Dezember 2015 verbindlich eingeschränkt. Für Kinderspielzeug gilt dabei ein besonders strenger Grenzwert von 0,5 mg/kg.
Bei Hunden besonders relevant: Weil Hunde ihr Spielzeug täglich und intensiv kauen, können Stoffe über Speichelkontakt aufgenommen werden. Für Tierspielzeug greifen die Grenzwerte der Kinderrichtlinie regulatorisch nicht.
Nitrosamine in Hundespielzeug und nitrosierbare Stoffe
Naturkautschuk und Latex klingen nach Natur – und das sind sie auch. Aber ihre Verarbeitung bringt eigene Risiken mit sich. Bei der Vulkanisation, dem Prozess, der dem Material seine endgültige Elastizität gibt, können N-Nitrosamine entstehen.
Sie bilden sich aus bestimmten Vulkanisationsbeschleunigern wie Dithiocarbamaten und Thiuramen. Viele N-Nitrosamine gelten als krebserzeugend und genotoxisch. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat klar festgestellt: Die Freisetzung sollte so gering wie möglich gehalten werden – und nach aktuellem Stand der Technik ist das durch Auswahl geeigneter Beschleuniger möglich.
Für Kinderspielzeug gelten in der EU Grenzwerte (0,05 mg/kg für Nitrosamine). Für Hundespielzeug aus Kautschuk existieren keine entsprechenden verbindlichen Vorgaben. Ob ein Kautschukspielzeug Nitrosamine freisetzt, ist von außen nicht erkennbar.
Schwermetalle in Hundespielzeug - z.B. Blei, Cadmium, Chrom
Buntes Spielzeug zieht Käuferinnen und Käufer an. Wissenschaftlich gut belegt ist aber: Hunde nehmen Farben als Dichromaten ganz anders wahr als Menschen – Rottöne erscheinen ihnen eher bräunlich oder grau. Leuchtend rotes Spielzeug ist also primär für den Besitzer attraktiv.
Das Problem kann in den Pigmenten liegen. Cadmiumverbindungen finden als rote und gelbe Pigmente Verwendung, bestimmte Bleiverbindungen als weiße oder gelbe Farbmittel. Blei und Cadmium können bei oraler Aufnahme das Nervensystem bzw. die Nieren schädigen.
Für Kinderspielzeug setzt die EU-Spielzeugrichtlinie strikte Migrationsgrenzen. Für Hundespielzeug existieren solche verbindlichen Grenzwerte nicht.
Aromatische Amine in Hundespielzeug aus Azofarbstoffen
Manche Farbstoffe, die für kräftige Farben in Kunststoff- und Gummiartikeln eingesetzt werden, können unter bestimmten Bedingungen krebserzeugende aromatische Amine freisetzen. Die Freisetzung kann durch Spaltung an der Azobrücke erfolgen – durch Speichelkontakt oder mechanische Beanspruchung.
In der EU regelt Anhang XVII Nr. 43 der REACH-Verordnung den Einsatz solcher Azofarbstoffe. Der Grenzwert liegt bei 30 mg/kg für Produkte, die mit Haut oder Mund in Berührung kommen. Für Hundespielzeug besteht jedoch keine automatische Prüfpflicht, ob diese Werte eingehalten werden.
Ob ein Produkt bedenkliche aromatische Amine freisetzen kann, ist von außen nicht erkennbar. Nur eine Laborprüfung schafft Klarheit.
Bisphenol A (BPA) in Hundespielzeug – Der Hormon-Imitator im Plastik
Der Hinweis „BPA-frei" ist von Trinkflaschen und Brotdosen bekannt. Bei Hundespielzeug ist dieser Standard längst nicht selbstverständlich. BPA ist eine Industriechemikalie zur Herstellung von hartem Polycarbonat-Kunststoff – und ein endokriner Disruptor.
BPA ähnelt in seiner Struktur dem Hormon Östrogen und kann sich an entsprechende Rezeptoren im Körper binden. Die ECHA hat BPA bereits 2017 als besonders besorgniserregenden Stoff (SVHC) eingestuft. In Babyfläschchen ist es seit 2011 verboten.
Dass Hunde tatsächlich einer relevanten BPA-Belastung ausgesetzt sein können, belegt eine wissenschaftliche Studie: BPA wurde in 93 % der untersuchten Hunde im Haar nachgewiesen. Sowohl übergewichtige als auch untergewichtige Hunde wiesen signifikant höhere Konzentrationen auf als normalgewichtige Tiere – ein Hinweis auf eine Wechselwirkung mit dem Fettstoffwechsel.
Ob ein Kunststoffspielzeug BPA enthält und in welcher Menge es freigesetzt werden kann, ist von außen nicht erkennbar. Nur eine Laborprüfung schafft Klarheit.
Checkliste
Was du beim Kauf von Hundespielzeug beachten kannst.
Du musst kein Chemiker sein, um deinen Hund zu schützen. Diese fünf Punkte machen beim Kauf einen Unterschied:
1. Herkunft
Ist das Herstellungsland angegeben? Fehlt diese Angabe vollständig, solltest du kritisch hinterfragen, warum.
2. Farben
Extrem intensive Farben sind nicht automatisch problematisch - aber Materialangaben und Prüfhinweise des Herstellers lohnen sich genau anzuschauen.
3. Unabhängige Prüfungen
Verantwortungsbewusste Hersteller lassen ihre Materialien durch unabhängige Labore prüfen und kommunizieren das transparent.
4. Preis
Hochwertige Rohstoffe, kontrollierte Herstellung und unabhängige Prüfungen verursachen Kosten. Ein sehr niedriger Preis kann ein Hinweis auf Einsparungen bei Materialqualität oder Kontrollen sein.
5. Transparenz
Ein Hersteller sollte Auskunft über Materialien, Herstellung und Prüfungen geben können. Wer nichts zu verbergen hat, informiert offen.
Häufige Fragen zu Schadstoffen in Hundespielzeug
Muss Hundespielzeug in der EU auf Schadstoffe geprüft werden?
Nein. Die EU-Spielzeugrichtlinie gilt nur für Produkte, die für Kinder unter 14 Jahren bestimmt sind. Für Hundespielzeug gibt es keine gesetzliche Prüfpflicht, keine Offenlegungspflicht für Inhaltsstoffe und keine unabhängige staatliche Kontrolle vor dem Verkauf.
Welche Schadstoffe können in Hundespielzeug vorkommen?
Je nach Material können Phthalate (Weichmacher), PAK (polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe), Nitrosamine (bei Kautschukverarbeitung), Schwermetalle (in Pigmenten), aromatische Amine (aus Azofarbstoffen) und BPA (in Hartkunststoffen) relevant sein. Welche Stoffe konkret enthalten sind, hängt von Materialrezeptur und Herstellungsprozess ab.
Sind Naturkautschuk-Spielzeuge automatisch sicher?
Naturkautschuk hat viele Vorteile – er ist elastisch und hält intensivem Kauen gut stand. Aber auch bei Naturkautschuk können bei der Verarbeitung (Vulkanisation) Nitrosamine entstehen, je nach eingesetzten Beschleunigern. Sicherheit hängt von Rezeptur, Herstellungsprozess und Prüfung ab – nicht allein vom Ausgangsmaterial.
Wie erkenne ich, ob Hundespielzeug geprüft wurde?
Ausschließlich daran, dass der Hersteller es aktiv kommuniziert – mit Hinweis auf das Prüfinstitut, das geprüfte Spektrum und ein anerkanntes Prüfsiegel. Von außen ist eine Schadstoffbelastung nicht erkennbar. Fehlen jegliche Angaben zu Materialien und Prüfungen, solltest du kritisch nachfragen.
Ist BPA in Hundespielzeug verboten?
In Babyfläschchen ist BPA seit 2011 EU-weit verboten. Für Hundespielzeug gibt es keine vergleichbare spezifische Beschränkung. Eine wissenschaftliche Studie wies BPA in 93 % der untersuchten Hunde nach – was zeigt, dass Hunde dieser Substanz real ausgesetzt sind.
Was schützt mich als Käufer?
Die REACH-Verordnung setzt für bestimmte Chemikalien EU-weit Grenzwerte. Für Tierbedarfsprodukte gibt es jedoch keine staatliche Zulassungsprüfung, die sicherstellt, dass diese Werte eingehalten werden. Der verlässlichste Schutz ist ein Hersteller, der freiwillig und transparent prüfen lässt.
Quellenverzeichnis
- Europäische Kommission: Richtlinie 2009/48/EG über die Sicherheit von Spielzeug (Spielzeugrichtlinie). Amtsblatt der EU, 2009, Artikel 2 (Anwendungsbereich). eur-lex.europa.eu
- SRF Kassensturz: „Giftcocktail für Vierbeiner – Schadstoffe im Hundespielzeug". Sendung vom 21.09.2021. srf.ch
- Europäische Chemikalienagentur (ECHA): „Endokrine Disruptoren und unsere Gesundheit." Chemicals in Our Life. chemicalsinourlife.echa.europa.eu
- Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): „Fragen und Antworten zu endokrinen Disruptoren." BfR, Berlin. bfr.bund.de
- Europäische Kommission: Verordnung (EU) 2018/2005 zur Änderung von Anhang XVII der REACH-Verordnung hinsichtlich DEHP, DBP, BBP und DIBP. Amtsblatt der EU, 2018. eur-lex.europa.eu
- Umweltbundesamt: „Chemie in Spielzeug und Co. – neue PAK-Grenzwerte." umweltbundesamt.de
- Europäische Kommission: Verordnung (EU) Nr. 1272/2013 zur Änderung von Anhang XVII der REACH-Verordnung hinsichtlich polyzyklischer aromatischer Kohlenwasserstoffe. Amtsblatt der EU, 2013. eur-lex.europa.eu
- Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): „Spielzeug aus Natur- und Synthesekautschuk für Kinder unter drei Jahren – Freisetzung von N-Nitrosaminen sollte so gering wie möglich sein." BfR-Stellungnahme. bfr.bund.de (PDF)
- Neitz, J., Geist, T. & Jacobs, G.H. (1989): „Color vision in the dog." Visual Neuroscience, 3(2), 119–125. doi.org/10.1017/S0952523800004430
- Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): „Gesundheitliche Risiken durch Schwermetalle aus Spielzeug." BfR-Stellungnahme. bfr.bund.de (PDF)
- Europäische Chemikalienagentur (ECHA) / REACH-Verordnung (EG) Nr. 1907/2006, Anhang XVII, Eintrag 43: Beschränkung bestimmter Azofarbstoffe. reachonline.eu
- Europäische Chemikalienagentur (ECHA): „MSC unanimously agrees that Bisphenol A is an endocrine disruptor." ECHA, 2017. echa.europa.eu
- Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): „Fragen und Antworten zu Bisphenol A in verbrauchernahen Produkten." bfr.bund.de
- Gąsiorek M. et al. (2022): „Hair Sample Analysis as a Method of Monitoring Exposure to Bisphenol A in Dogs." International Journal of Environmental Research and Public Health, 19(8), 4600. doi.org/10.3390/ijerph19084600
- Europäische Kommission: Richtlinie 2011/8/EU zur Beschränkung der Verwendung von Bisphenol A in Säuglingsflaschen aus Polycarbonat. Amtsblatt der EU, 2011. eur-lex.europa.eu

